Forschungsprofil

Visuelle Urteilsforschung zu Gesichtern und Personenmerkmalen

Bastian J. Hirthammer · E-Mail · DE | EN

Profilkern

Bastian J. Hirthammer verbindet sichtbare Personenmerkmale, angewandte Bildbeurteilung und Fragen der visuellen Urteilsbildung. Im Zentrum steht, wie Menschen Gesichter und Personenmerkmale wahrnehmen, vergleichen, gewichten und unter Unsicherheit beurteilen.

Daraus entsteht eine seltene Verbindung: biologisch-humanmorphologische Ausbildung, langjährige Arbeit mit bildbasierter Personenbeurteilung und ein aktuelles Interesse an Wahrnehmung, Konfidenz, Unsicherheit und Messqualität visueller Urteile.

Mich interessiert nicht nur, welches Urteil am Ende steht. Mich interessiert auch der Weg dorthin: Welche Information war sichtbar? Welche wurde genutzt? Was blieb mehrdeutig? Und wie sicher durfte das Urteil unter diesen Bedingungen sein?

Forschungslogik

Das Forschungsprofil wird durch wenige Grundfragen getragen: Wie werden sichtbare Personenmerkmale zu Urteilen verdichtet? Welche Rolle spielen Konfidenz und Unsicherheit? Wann entstehen Konsens, Dissens oder Überinterpretation? Und wie stark hängt ein Urteil von Stimulus, Ansicht, Aufgabe und beobachtender Person ab?

Beobachtervariabilität ist dabei kein Randproblem. Sie zeigt, ob ein visuelles Urteil breit anschlussfähig ist, ob es nur unter bestimmten Bedingungen stabil bleibt oder ob Zurückhaltung die angemessene Antwort auf mehrdeutige Information ist.

FaceMindLab untersucht sichtbare Personenmerkmale nicht als direkte Eigenschaften, die lediglich abgelesen werden, sondern als Ausgangspunkt visueller Eindrücke, die von Beobachtenden unterschiedlich gewichtet, bewertet und mit unterschiedlicher Sicherheit beurteilt werden.

Fachlicher Hintergrund

Der fachliche Hintergrund liegt in der Untersuchung sichtbarer Personenmerkmale, der 3D-gestützten Materialbasis und der angewandten Bildbeurteilung. Frühere Arbeiten befassten sich mit sichtbaren Alterungsmerkmalen, morphologischen Alterungszeichen und der Beurteilung von Personen anhand von Bildern.

FaceMindLab baut auf praktischer Erfahrung mit kontrollierten Beurteilungsaufgaben, quantitativer Auswertung visueller Urteilsdaten und wissenschaftlicher Dokumentation empirischer Ergebnisse auf.

Für das heutige Forschungsprofil ist daran vor allem relevant, dass sichtbare Merkmale nie isoliert auftreten. Sie erscheinen unter bestimmten Bildbedingungen. Sie werden aus einer bestimmten Perspektive gesehen. Und sie werden von Beobachtenden unterschiedlich gewichtet.

Damit verbindet sich Materialkenntnis mit Urteilsanalyse. Der Blick richtet sich nicht nur auf das Merkmal selbst, sondern auf seine Sichtbarkeit, Beurteilbarkeit und Nutzung im Urteil.

Angewandter Hintergrund

Der angewandte Hintergrund liegt in der bildbasierten Beurteilung von Personenmerkmalen. Dort entstehen Fragen, die über den Einzelfall hinausweisen und sich als allgemeine Urteilsprobleme beschreiben lassen.

Für FaceMindLab ist daran nicht der einzelne Anwendungskontext entscheidend, sondern die wiederkehrende Struktur des Urteils: Was ist sichtbar, was wird genutzt, wo bleibt Mehrdeutigkeit, und wie deutlich müssen die Grenzen eines visuellen Befunds erkennbar bleiben?

Bezug zur Bildidentifikation

Die Forschungsfragen schließen an die bildbasierte Identifikation und Beurteilung von Personen an, werden hier aber als allgemeine Probleme visueller Urteilsbildung behandelt. Im Mittelpunkt stehen sichtbare Personenmerkmale, Bildqualität, Vergleichbarkeit, Ähnlichkeit, Unsicherheit und die Frage, wann ein visueller Befund tragfähig oder begrenzt ist.

Von der sichtbaren Alterungsmerkmalen zur Urteilsforschung

Die alters- und morphologiebezogene Forschungslinie reicht bis zu den ersten 3D-Erhebungen im Jahr 2005 zurück. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich sichtbare Alterungszeichen beschreiben, darstellen und mit 3D-Daten erfassen lassen.

Aus dieser Materialbasis entwickelten sich frühere humanmorphologische Vorarbeiten zur sichtbaren Alterungsmerkmalen, zur 3D-gestützten Erfassung sichtbarer Kopf- und Gesichtsmerkmale und zur Frage, wie solche Merkmale wahrgenommen und beurteilt werden.

Heute reicht die Frage nach vorhandenen Merkmalen nicht aus. Entscheidend ist, wie solche Zeichen wahrgenommen, gewichtet und unter Unsicherheit beurteilt werden.

Ein sichtbares Alterszeichen kann morphologisch plausibel sein und trotzdem unter bestimmten Bildbedingungen nur eingeschränkt beurteilbar werden. Umgekehrt können Beobachtende einem Merkmal hohe Bedeutung zuschreiben, obwohl seine Aussagekraft begrenzt ist.

Vom sichtbaren Merkmal zum Urteil

Die Grundidee der Seite ist einfach: Sichtbare Personenmerkmale sind keine fertigen Antworten. Ein Merkmal wird erst dann forschungsrelevant, wenn es in einem Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozess genutzt wird.

Dabei stellen sich wiederkehrende Fragen. Wird das Merkmal erkannt? Wird es als relevant behandelt? Wird es mit anderen Hinweisen abgeglichen? Wird es über- oder untergewichtet? Und wie sicher ist das daraus entstehende Urteil?

Bei Gesichtern ist diese Perspektive besonders wichtig. Sie liefern viele Hinweise gleichzeitig: Alter, Ähnlichkeit, Mimik, Kontur, Hautrelief, Haarmerkmale, Bildqualität und Kontext. Die Qualität eines Urteils hängt daher nicht nur vom sichtbaren Reiz ab, sondern auch vom Umgang mit diesem Reiz.

Von angewandter Bildbeurteilung zur Urteilsforschung

Langjährige Erfahrung mit visueller Personenbeurteilung anhand heterogener Bildquellen bildet einen praktischen Hintergrund. Für die Forschung interessiert daran nicht der einzelne Fall. Entscheidend ist die Struktur des Urteils.

Welche Informationen werden genutzt? Wie werden Merkmale gewichtet? Wie entsteht subjektive Sicherheit? Wann ist Zurückhaltung angemessen? Und wie lässt sich die Qualität eines visuellen Urteils prüfen?

So werden angewandte Problemstellungen in allgemeine Fragen übersetzt. Alter, Ähnlichkeit, Unterschiedlichkeit, Bildqualität und Beurteilbarkeit werden zu Ausgangspunkten für Untersuchungen zu Wahrnehmung, Messqualität, Beobachtervariabilität und Entscheidung unter Unsicherheit.